Monologe

Entscheidungen

 

Täglich öffnen sich immer neue Türen und andere schließen sich. Früher bin ich nur durch wenige Türen gegangen. Heute kann ich zahlreiche benennen durch die ich gegangen bin. Teils habe ich es vielleicht bereut, aber zu den meisten Teilen, war ich sehr begeistert – aus einem neuen Raum etwas mitzunehmen und sei es die neue Tür am anderen Ende des Raumes, die neue Perspektiven ermöglicht.

 

Manchmal habe ich das Gefühl umso mehr Türen ich durchschreite, um so mehr Türen öffnen sich – gleichzeitig. Und das führt zu einem großen Problem. Die Ja-Sagerin muss Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen. Eine Herausforderung die mir von so vielen Türen beschert wird. Immer die Gedanken im Kopf: Triffst du die richtige Entscheidung? Was sind die Konsequenzen? Welche Tür geht danach auf?

Aus Erfahrung kann ich mir sicher sein, es wird immer eine neue Tür aufgehen, egal für welche man sich entscheidet. Denn das Leben ist ein endloses Haus, das viele Möglichkeiten bereithält. Möglichkeiten, die uns jeden Tag um Erfahrungen reicher machen und sei es die, beim nächsten Mal eine andere Tür zu wählen.

Minutenfragment, 23.03.2019 von Nadine J.M. Knauer

 

Körperfremd

Wir kommen auf die Welt - vollkommen wie wir sind und dabei ist jeder verschieden.

Wir lernen nicht nur die Umgebeung und unser Umfeld kennen, sondern uns selbst.

Wir erden uns in unserem Körper und nehmen uns wahr.

Was für lustige Finger wir an unserer kleinen Hand haben.

Witzig.

Und die kleinen Knubbel an den Füßen, die wir Zehen nennen und im Gesicht sind auch lustige Dinge zu finden. Besonders in der Nase.

Mit der Zeit lernen wir weniger danach zu suchen; uns weniger kennen zu lernen und werden uns fremd. Das nennt man dann erwachsen werden.

Und dann kommt plötzlich ein Schicksalsschlag. Ein Erlebnis, dass unseren Körper verändert und plötzlich spürt man diese Fremde. Ist es auch nicht offensichtlich und für andere unsichtbar. Wird unser Körper schlagartig verändert, wird er nie wieder zu dem Eigenen, den wir einst hatten. EIn Teil wird immer fremd bleiben.

 

Minutenfragment, 05.04.2018 von Nadine J.M. Knauer,

entstanden in der Theaterpädagogischen Intensivwoche zum Thema "Entschleunigung"

Das hier ist keine Probe, das ist mein Leben!

Das hier ist keine Probe, das ist mein Leben - und deshalb muss alles perfekt sein. Es darf nichts schief gehen. Ich meine, was sollen denn die anderen sonst denken? Am Ende lacht mich das Publikum noch aus. Aber... Naja... so hätte ich früher gedacht. Heute muss alles perfekt sein, damit ich zufrieden bin. Aber die anderen... also das Publikum, ist mir egal!

Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt. Also das wäre zumindest mein Ziel. Aber... Naja.. wenn ich es mir recht überlege, dann läuft das Leben anders als ich es in meiner Inszenierung erdacht habe. Es läuft häufig richtig falsch!

Da sind viel zu viele Dramen und viel zu wenig Romantik. Ich weiß auch nicht, die Pläne und Träume verblassen im trügerischen Schicksal. Ob das so gut ist? Vielleicht ist es aber auch genau das, was es sein soll? Vielleicht ist es richtig - das Leben laufen zu lassen und zu improvisiseren. Aber das kann ich nur, wenn die Sonne scheint. Aber wenn sich mir das Drama des Schicksals aufdrängt, bin ich taub und kann nicht reagieren, nicht agieren. Ich höre auf zu leben und scheitere - wie so viele theatrale Heldenfiguren. Die Frage ist nur, ob ich genug Zeit für ein Happy End habe oder ob ich untergehe als gefallener Held der an der Perfektion des Lebens gescheitert ist und der durch die Brutalität des Schicksals sein Sein verloren hat.

 

Minutenfragment, 05.04.2018 von Nadine J.M. Knauer,

entstanden in der Theaterpädagogischen Intensivwoche zum Thema "Entschleunigung"

Kampf gegen Dich selbst

Dieser Moment, wenn du einfach nicht mehr weiter weißt, alles dich nur noch anscheißt und du einfach nicht mehr kannst.
Du willst weg und einfach nur gehen und endlich die Welt mit deinen Augen sehen. Du willst keine Hürde mehr überwinden und Angst haben und dich nicht finden. Du willst endlich das erleben, wovon du lange träumst, wo nach du schon die ganze Zeit dein Leben aufräumst.
Du hast einen Traum und kämpfst die ganze Zeit, aber wenn du pausierst, wird dir ganz schnell klar, was dieser Kampf bisher war.
Kleine Schritte, ja gut, die hast du geschafft. Aber schau doch mal die Strecke, die noch vor dir liegt. Dafür fehlt irgendwann die Kraft. Aber du kämpfst immer weiter, denn du hast nur das gelernt. Schauspielerisch singst du heiter, während das Herz weint.
Du bist alleine und keinem fällt es auf, denn du hast gelernt zu Lachen und ihm Regen zu tanzen, denn dann sieht man deine Tränen nicht. Und keinem fällt es auf.
Ja, genau, so ist dein Lebenslauf und was auch immer passiert, du wirst daran festhalten, solang es dich drangsaliert.
Bis du irgendwann nicht mehr atmest, mit letzter Kraft nach Luft schnappst und zurück blickst in eine Zeit, in der hast du viel geschafft.
Dein Traum ist zwar nicht wahr, aber Schritte hast du geschafft. Du hast sie nur übersehen, und ständig nur weiter gemacht. Hast nur gesehen, was noch nicht ist und dabei völlig vergessen, zu sehen was war und was du daraus gemacht hast.
Toll, das hast du jetzt bemerkt, zu spät? Vielleicht... Mit dem letzten Atemnzug springst du nochmal auf, du willst etwas verändern an deinem Lebenslauf und fängst schon wieder an, wo du immer warst, im Kampf gegen dich selbst.

Nichts ist je vergangen.

Du gewinnst, auch wenn du fällst.

Minutenfragment, 19.08.2017 von Nadine J.M. Knauer

"Träume" - Minutenfragment

Wir haben alle Träume...
Händeringend versuchen wir sie zu realisieren und dabei werden wir uns immer fremder. Wir tun Dinge, die wir nie tun wollten, bis sie zur Notwendigkeit wurden.
Ich bin schon lange nicht mehr die, die ich war, geschweige denn, die, die ich werden wollte. Ich trage so viele tausend Masken und verstecke, wer ich bin. Vielleicht wäre da sogar ein ganz nettes, sympathisches Mädchen, hinter diesem eiskalten Blick - meine Rüstung.
Wenn man oft verletzt wurde, dann bekommen Äußerlichkeiten einen Schutzfilm. Vielleicht fängt es an mit den schwarzen „Farben“ in der Kleidung, vielleicht kommt dann irgendwann die Lederjacke und dann... dann merkt man, dass es Dinge gibt, vor denen keine Rüstung der Welt einen schützen kann.
Egal was man trägt, man ist hilflos dem Schicksal ausgeliefert.
Es ist schon ironisch, wie wir Menschen immer wieder bestreben aufzustehen, wenn wir gefallen sind, nur um zu einem späteren Zeitpunkt, wieder auf die Schnauze zu fliegen.
Wir sammeln Narben und sind darauf noch stolz. „Narben sind cool“ - hab ich mal gehört. Kann diese Aussage, aber nicht bestätigen!

Manchmal hat man auch einen echt guten Lauf und dann kommt eine Kleinigkeit, eine wirkliche Kleinigkeit, so klein, dass man sich darüber gar nicht aufregen müsste, aber, weil es gerade so gut lief, wiegt sie mehr, als sie wöge, wenn es mies liefe. Wer hoch am Berg steht, fällt tiefer, als der, der im Tal wartet. - Aber worauf? Darauf dass alles besser wird? Ich hab mal in so Glückskalendern gelesen, dass man für sein Glück und seine Träume etwas tun muss.

Kämpfen!!!

Bitte was tue ich denn die ganzen Jahre schon? Von Kind an habe ich Träume und von Kind an kämpfe ich Tag für Tag um sie zu erfüllen. Ich verzichte sogar auf meinen Urlaub - den ich dringend bräuchte - nur um jeden Tag dieses Lebens um einen Traum zu kämpfen, während beliebige Gestalten Backsteine davor mauern und ihn hinter einer kalten Wand verschwinden lassen.

Und hinter mir? Da ist der altgriechische Chor 1, er zitiert Zeitungsartikel: „Mutter wirft Säuglinge aus Fenster!“ „Messerstecherei am Bahnhof“ „Hunger in Afrika“ „Trump neuner Präsident!“...

Neben ihm steht der altgriechische Chor 2, er spricht den Kummer der Jammernden: „Mein Knie ist heute wieder so schlimm!“ „ Meine Augen sind so schlecht geworden!“ „Bohr ist das ein scheiß Wetter!“ „Die Arbeit war heute wieder stressig!“...

Zwischen beiden Chören steht Chor 3, er zitiert die Erfahrungen - die Schmerzen der Vergangenheit und die Ängste der Zukunft: „Du hast versagt!“ „Du gehörst hier nicht her!“ „Was willst du eigentlich hier!“ „Ich werde versagen!“ „Willkommen im Haifischbecken!“ „Ich habe nichts tun können!“ „Ich werde sie alle verlieren!“ „Ich habe Angst!“


Ich glaube kaum, dass es unverständlich ist, dass ich mir manchmal wünsche alles loslassen zu können. Doch wenn ich näher darüber nachdenke, habe ich Angst! Denn was bin ich denn ohne das alles!? Meine Erfahrungen machen mich doch aus, und da ich schon lange nicht mehr zu dem Ich, wie ich war, - wobei ich die Frage im Raum stehen lassen möchte, ob es ein besseres sei- zurück kann, muss ich Wohl oder Übel an dem festhalten, was ich jetzt bin. Ein Sisyphos - das ist man wenn man Träume hat...

Besser man findet sich damit ab, dass man sinnlos, Tag ein Tag aus, Dinge tut, die einen vielleicht seinen Träumen näher bringen, aber sie nicht erreichen lässt. Ab und an schenken wir uns eine Illusion davon, bis wir knallhart auf den asphaltierten Boden der Realität aufschlagen und froh sein können, wenn wir dabei noch unsere Zähne behalten dürfen.

19.05.2017 Minutenfragment von Nadine J.M. Knauer

Szenisches Schreiben - Fragmente

Ich muss heute unbedingt noch Wäsche waschen! - wie oft höre ich diesen Satz von meiner Mutter, wenn man es genau nimmt.... täglich.

Da sieht man mal, wie viel Wäsche in einer vierköpfigen Familie zusammen kommt. Unendlich viel Wäsche. Kein Wunder, dass meine Mutter oft so gestresst ist.

Wenn ich selbst in die Waschküche komme, erdrücken mich auch, die Wäschestücke. Ob dieses Gefühl normal ist oder Erbgut?

Ich selbst habe ja gar nichts mit der Wäsche zu tun. Also ab dem Zustand Wäsche. Zunächst ist es ja Kleidung und ich produziere daraus mit dem Dreck des Alltags Wäsche. Das ist auch schon viel Arbeit. Daher finde ich die Arbeitsteilung so sehr gut.

Aber warum ich dennoch Beklemmungen bekomme, wenn sich von der Leine die Strumpfhosenbeine um meinen Hals schlingen, wenn ich durch die Waschküche gehe, ist mir schleierhaft!

 

3 Minuten Fragment aus dem Wochenendseminar "Szenisches Schreiben" 21.01.2017, von Nadine J.M. Knauer

 

Also der Eddie...

er war eben so, wie so ein Stiefpapa ist. Er wollte mich davon überzeugen, dass er ein guter Mann für meine Mutter ist. Er war sehr lieb, hat mich oft zum Eis eingeladen und als ich 14 war, hab ich ein cooles Mountain-Bike bekommen.

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Das war schon echt cool von ihm - mit dem Mountainbike. Allerdings nahm das irgendwann ab. Genauso wie sein Geld.

Eddie hing nach seiner Kündigung zuhause nur noch rum. Mama hat zwar nie gesagt, dass ihm gekündigt wurde - aber ich bin ja nicht blöd!

Eddie war nämlich faul! Hat nie etwas Zuhause gemacht. Wenn er schon zuhause ist, hätte er wenigstens die Wäsche machen können.
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Stattdessen hat er Mama nur noch gedehmüigt und verletzt. Sie veränderte sich total und immer mehr Hass wuchs und ... Ahhh!!!... Eddie war ein Arsch!!!

 

Szenen-Fragment-Entwicklung zum dramaturgischen Modell "Wechselnde Perspektiven mit einem gemeinsamen Ereignis" zur Stückentwicklung, 22.01.2017,

von Nadine J.M. Knauer

Verrücktes Kopftuch. Verrückte Welt.

Verrückt...

Ich ging heute morgen durch die Stadt. Es ist November. gestern war es gefroren. Heute haben wir Plus 1 Grad Celsius. Neben prasselndem Regen, fegt der Wind mir um die Ohren. Sie sind eisig. Meine Finger sind verkrampft. Verfroren. Fast steif. Die Ohren stechen und schmerzen. Um meinen Hals trage ich einen Loopschal, naja, vielmehr ein Tuch. Aber es hält meinen Hals schön warm. Zum Glück, ich war ja erst krank, das brauche ich nicht nochmal. Aber die Ohren! Diese furchtbar schmerzenden Ohren!

Ich nehme das Tuch und schlage es mir um den Kopf, sodass es neben meinem Hals, nun auch noch meine Ohren und den Hinterkopf schützt. Seine Farbe passt wirklich hervorragend zu meiner petrolfarbenen Hose.

Nanu? Was schauen mich die Leute so komisch an? Zugegeben, freundlich schauen die sowieso eher selten, aber ihr Blick ist nun regelrecht verurteilend. Ich überlege zunächst, was ich an mir habe.

Hab ich heute morgen mit der Zahnpasta gekleckert, oder was? Ich blicke in ein Schaufenster und betrachte mein Spiegelbild. Ich stelle fest, dass ich mit dem Tuch auf den ersten Blick fremd aussehe. Fremd, weil ich es sonst nicht trage. Oder Fremd, weil es nicht deutsch aussieht? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Oma früher auch Kopftuch trug, das war früher völlig normal. Es schütztes das Haar und die Ohren vor Wind und Schmutz. Heute wird das Kopftuch Religionen zugesprochen und verurteilt. Verrückt diese Welt. Ich fand es heute sehr praktisch und je mehr ich darüber nachdachte und die Blicke der Fremden auf mir spürte begann ich zu schmunzeln, erhob mein Haupt und lief stolzen Schrittes voran. Ohne Demut und Scharm trug ich dieses Kopftuch und freute mich über meine Ohren, die diesen eisigen Wintertag überleben würden.

 


von Nadine J.M Knauer, 2016

Warten

Dieser typische Moment, wenn du genau planst. Okay. Zuerst fahre ich in das Parkhaus, das ist dichter an der der Praxis, denn da gehe ich zum Arzt, danach dann noch in den einen Secoundhandladen - da war ich schon lange nicht mehr - und danach in die Uni - das müsste ich alles schaffen, Super Plan!

Du kommst vom Arzt - wahnsinn das ging ja schnell, irgendenwie ungewohnt, aber egal. Super jetzt so richtig viel Zeit um in deinem Lieblingsladen zu stöbern.  Du gehst zu deinem Lieblingsladen, die Uhr zeigt 8:30 Uhr und an der Tür hängt ein Schild auf dem stehen die Öffnungszeiten von 10:00Uhr bis 19:00Uhr. Na toll... und das wo es ausgerechnet mal schnell beim Arzt ging...

 

Warten...

 

Das ist schon irgendwie ein ungewohntes Gefühl. Naja. Also ich meine nicht das Warten im Wartezimmer beim Arzt, das hat vielmehr etwas mit Stress zu tun. Stundenlanges warten im Wartezimmer - allein der Gedanke bedeutet  "PUREN STRESS"! Man regt sich auf und wegt ab, wer von denen, die vor einem aufgerufen werden, obwohl sie erst später zur Anmeldung kamen, tatsächlich ein sogenannter Notfall ist, oder vielleicht doch eher Privatpatient? Egal. Selbst wenn.... Ich bin extra früh aufgestanden um hier zu erst an der Reihe zu sein und dann??? Bin ich offensichtlich das Letzte. So geht es mir oft. Jedesmal wenn ich mich irgendwo anstelle bin ich das Letzte - Glied der Kette. Zumindest für eine Weile. Bis wer kommt, der genauso denkt. Die sind mir immer die Liebsten. Die, die hinter mir stehen, und warten. Davon gibt es nicht viele. Es seiden, ich stelle mich irgendwo an. Und deshalb mache ich das so oft. Ich stelle mich grundsätzlich in Schlangen - natürlich hinten- an, um zu sehen, wer so alles hinter mir steht. Ich stelle mich sogar an, auch wenn ich gar nichts von dem Ort will, an dem alle anstehen.

Ich habe mal von einem Mann gelesen, - vielleicht war es auch einfach nur eine Geschichte-, der hat das auch immer gemacht, aber mit einem Unterschied. Er ließ alle immer vor und freute sich darüber, dass er ihnen eine Freude machen konnte. Ich gebe zu ein paar mal hab ich das auch gemacht und war aber trotz guter Tat das Letzte.

Heute freuen sich die Menschen nur sehr kurzweilig über solche Dinge und mich hat noch nie jemand vorgelassen. Die Welt hat mich gelehrt egoistisch zu sein und deshalb lass ich auch niemanden vor! Mich fragt ja auch keiner, ob ich warten will. Früher war Warten nicht schlimm. Man nahm sich ein Blatt Papier und malte und malte und war glücklich. Früher als ich noch klein war. Das war noch Warten - so wie es sein soll. Ein Warten ohne Stress, mit voller Energie und Kreativität. Da konnte man die besten Bilder malen, die besten Gecshichten schreiben, die tollsten Ideen finden und sympathische Gespräche führen. Warten war mal so was Tolles!

Doch heute haben wir keine Zeit zum Warten. Keine Zeit für Kreativität. Keine Zeit für Ideen.

Keine Zeit zum Leben.

Ich warte viel... beim Arzt oder an der Ampel. Ich würde gerne mal wieder so richtig warten, so wie es sein sollte. Wie damals, als die Welt für mich noch in Ordnung war. Wo ich meine Termine noch im Kopf hatte und nicht diesen schweren Timer mit mir rumschleppen musste, mit tonnenschweren Terminen. Ein Handykalender wäre vielleicht leichter, doch das Gewicht der Termine bleibt. Und zum Glück, ist mein analoger Timer auch mal voll, früher als mein Handy es wäre. Jetzt warte ich schon über 5 Stunden. Ich ahne förmlich, wie mein analoger Timer in meiner Tasche zu vibrieren beginnt, als wäre er ein digitaler Kalender - ein Glück, dass es nicht so ist.

 

 

von Nadine J.M. Knauer, 2016

 

 

Leer oder Voll

Leer kann nur etwas sein, was voll war. Und je voller es war, um so leerer fühlt es sich an.

Wenn wir jemanden verlieren, dann ist das, als ob man uns in einen leeren Raum setzt. Einen Raum, der vollkommen kahl ist. Ob dunkel oder weiß, das ist egal. Kalt ist er so oder so. Du kommst nicht raus. Es ist wie ein Gefängnis. Du bist gefangen, gefangen in einer Leere.

Dabei ist er gar nicht so leer. Denn in ihm stecken die Erinnerungen an die Vergangenheit - die bleiben, die kann uns keiner nehmen. Das vermissen, neue Erinnerungen zu sammeln, dass bringt uns die Leere. Dabei ist der Raum ja gar nicht leer. Da sind tausende andere Lebewesen um einen herum. Tausend andere Gefühle. Doch es fehlt jemand. Die anderen leben weiter. Für die ist der Raum nicht leer. Aber für dich, weil jemand fehlt.

Es ist schwierig, den Raum als etwas Neues zu betrachten. Den leeren Platz zu akzeptieren und ihn soweit möglich, mit den schönen Erinnerungen zu besetzen. Aber das ist wichtig. Denn was gibt es schlimmeres, als, wenn du gehen musst und von dir ein schwarzes Loch zurück bleibt.

Das sollte nicht so sein. Wir sollten auf die Stellen lieber bunte Blumenwiesen pflanzen und die Sonne scheinen lassen. Die Sonne der unvergesslich schönen Erinnerungen.

Denn das Leben nach dem Tod, geht weiter für jeden von uns.

 

 

von Nadine J.M. Knauer, 2013

Innerer Regen

Draußen regnet es.

Okay, es ist trocken und die Sonne steht am Himmel, es sind 20 Grad und die Leute sind im Schwimmbad. Sie lachen. Also um genau zu sein, sind ihre Münder weit geöffnet und man kann die Zähne sehen. Aber irgendwo auf der Welt regnet es. Da bin ich mir ganz sicher.

Und wenn man die Welt nicht mehr nur von außen betrachtet, sonder von innen. Also. Nicht nur die Natur wie sie aussieht. Auch nicht die Tiere und Menschen. Was für eine Haarfarbe haben sie? Schauen sie freundlich? Was tun sie? Lassen wir mal all das einfach weg. Alles, was das Auge wahrnimmt. Vergessen wir auch mal, all das was wir hören können. Ignorieren wir unsere Sinne für die äußere Umwelt. Konzentrieren wir uns einmal ganz auf uns selbst. Wir sind in einem schwerelosen Raum und spüren nichts, außer uns selbst...
Da ist niemand, außer dir. Du bist allein. Da ist keine Wärme. Nur Stille und ein leerer Raum. Du siehst nichts. Du hörst nichts. Du spürst nichts. Aber du fühlst, das, was in dir ist.

Schau, es regnet! Hörst du die Tropfen? Spürst du die kalte Nässe? Das bist du.

Auch wenn die Sonne scheint, gibt es Orte, an denen es regnet.

 

Je mehr wir aufhören unsere Umgebung wahrzunehmen, umso mehr vergessen wir diese Orte an denen es regnet, die Orte, an denen es unsere Aufgabe ist, für Sonne zu sorgen. Wir verfallen in unseren eigenen Regenwald, während nur ein paar Zentimeter weiter neben uns, eine Insel überflutet wird – und unter geht.


von Nadine J.M. Knauer, 2013

Freiheit

Freiheit!

Das Wort Freiheit hat 8 Buchstaben. Die Zahl acht ist das Zeichen der Unendlichkeit. Das Wort Freiheit beinhaltet zweimal „Ei“. Ein Ei ist leicht zerbrechlich, das weiche Innere ist umgeben von einer harten Schale. Sie kann braun, weiß oder auch gefleckt sein, und wenn man genau hinsieht, sieht jedes Ei anderes aus. Das Wort Freiheit beinhaltet das Wort Reihe. Eine Reihe ist eine Aufstellung für einen gemeinsamen Zweck verschiedener Subjekte.

 

Freiheit!

Frihed
Freedom
Vapaus
Liberté
Saoirse
Frelsi
Libertá
Sloboda
Libertatem
Vrijheid
Wolnosc
Liberdade
Frihet
Libertad
Özgürlük
Szabadság


Freiheit!

Was ist das?
Erinnern Sie sich bitte an einen Moment, indem sie sich frei gefühlt haben und beschreiben Sie diesen!
Und wie war ihr Freiheitsmoment?

Sie sehen, jeder versteht unter diesem Begriff etwas anderes, egal welche Sprache man spricht, doch eines fühlen wir alle: Die Sehnsucht nach der Freiheit.


Wann bin ich frei? Ich glaube, wenn...

ich morgens aus meinem Bett aufstehe, die Sonne hoch am Himmel steht und mir warm ins Gesicht scheint, ich nach draußen schaue und zwei Schmetterlinge um die Blumen vor meiner Fensterscheibe tanzen, ich mir schnell etwas anziehe, mir schnell im Badezimmer das eiskalte Wasser ins Gesicht schöpfe, dann noch vor dem Frühstück hinaus in den Garten gehe, mir die Vögel von ihren Plätzen in den Bäumen zu zwitschern, ich durch das Gartentor gehe, den ersten Fuß über die Schwelle, auf das Feld hinter meinem Haus, setze, hinüber jage, schnurstracks in Richtung der Bäume, mein Atem rast, mein Blut pulsiert, mir warm ist und ein leichter Schmerz des Seitenstechens mir den Platz meiner Rast empfiehlt und ich mich dann auf einem Baumstumpf im Wald setze, die Sonne wie ein Engelsschein auf die Lichtung strahlt, das grüne Gras und das bunte Laub in zarte leuchtende Formen verwandelt werden und im Bach neben mir das Wasser rauscht, es plätschert und ich eine schlabbernde Tierzunge durch das Wasser streifen höre, ich ein Fiepen vernehme, der Vogel über mir am Himmel singt, eine Maus mir über den Fuß flitzt und ein Reh, hinter der Tanne hervorblickt und ängstlich versucht meinen Herzschlag zu hören, sein Kopf so zierlich und anmutig, bei meinem leisen Ausatmen durch das Gebüsch springt und in der Sonnenspiegelung verschwindet, der Wind rauscht und bringt die Bäume zum sprechen, ihnen lauschen und  jedes Wort ihres Gesanges verstehen, die anmutige Schönheit der Natur, in mir ein Gefühl der vollen Zufriedenheit, fast schon Schwerelosigkeit, entfacht, ein Gefühl das unbeschreiblich ist, das Gefühl, endlich angekommen zu sein und niemals wieder diesen Ort der Magie verlassen zu müssen, dann bin ich frei.


Wie schlägt mein Herz, wenn ich frei bin?
Es ist zufrieden und genießt die Harmonie der Natur. Ich bin allein, jedoch nicht einsam.

 

 


Wann bin ich frei? Ich glaube, wenn...

es Abend ist, ich voller Euphorie stecke, ich nach stundenlangem Bemühen endlich das Auto meiner Freunde hupen höre, ich in meinen Partyklamotten das Haus verlasse, die Tür hinter mir schließe, freudestrahlend zum Auto laufe, die Beifahrertür öffne und wir dann nach hyper-übertriebenen Begrüßungen, mit lauter Musik und guter Stimmung zur nächsten Party fahren, dort dann aussteigen, in unseren hochhackigen Schuhen über den Asphaltschotter des Parkplatzes stolpern, wir uns zu anderen Freunden mitten in die Warteschlange der Discothek stellen, trotz Vordrängen lange anstehen, um endlich in die Disco zu kommen, und dann endlich drinnen den ersten Drink geholt haben, den zweiten und den dritten und den… Beat der Musik in unserem Körper spüren, dem Herz nichts mehr anderes übrig bleibt als diesem Beat zu folgen, ich mich bewegen muss, ich weiter trinke und allen Stress von mir tanze, ich nach stundenlanger Verausgabung schon triefend nass geschwitzt bin, meine Frisur Opfer meines Rhythmus' geworden ist, mein Kleid nach dem Rauch der Zigaretten aus dem Rauchersaal stinkt, den ich nicht einmal betreten habe, dessen Geruch jedoch durch die gesamte Disco zieht, ich dann hier und da von netten Jungs angesprochen werde, die mir ein Wertgefühl geben, mir die Jungs zeigen, dass ich begehrenswert bin, ich hier und da mich mit einem vergnüge und dann zum Morgen hin, die Disco verlasse, wir wieder über den Asphaltschotter des Parkplatzes zu unserem Auto stolpern, welches wir zunächst nicht finden, nach längerem Suchen und Diskussionen der unterschiedlichen weiblichen Intuitionen aller weiblichen Beteiligten, dann endlich doch angelangt sind und müde durch die Nacht fahren und von den aggressiven Lichtern der Autos von der Gegenfahrbahn geblendet werden, wir dann einen nach dem anderen heim bringen, wir jedem eine gute Nacht bzw. einen guten Tag zum Schlafen wünschen und ich dann die drei Stufen zu meiner Haustür hoch gehe, ich mit Bemühung dann endlich meinen Schlüssel gefunden habe, ich dann nur noch vor der Herausforderung stehe, das Schlüsselloch zu finden, ich endlich nach langem Probieren, zufällig Erfolg hatte, ich dann nur noch taumelnd müde die Stufen in mein Zimmer hinauf schlurfe, ich dort meine Tasche und Jacke ablege und dann nebenan ins Badezimmer krieche, mir die Kleider vom Leib streife und mich unter die eiskalte Dusche stelle, mich anschließend im Bademantel unabgetrocknet ins Bett lege und wie ein Stein schlafe und mein Herz immer noch zum zuvor gehörten Beat der Musik schlägt, dann bin ich frei.


Wie schlägt mein Herz wenn ich frei bin?
Es schlägt im Rhythmus der Musik, zu jedem Beat.

 

 

Wann bin ich frei? Ich glaube, wenn…

ich in meinem Auto sitze, den Motor anlasse, mit dem Gaspedal und der Kupplung spiele und ich den Sound meines Babys in den Gliedern vibrieren spüre, die Leute und Nachbarn mir böse Blicke zuwerfen und ich dann mit quietschenden Rädern die Straße herunter fahre und auf die Landstraße abbiege, dann mit 160 Sachen über die Landstraße heize, die anderen Autofahrer hupen und schimpfen, telefonierend der Polizei melden, dass ein Irrer unterwegs ist und ich so schnell bin, dass ich die Bäume nicht mehr erkenne, die Blätter der Bäume, die ab und an gegen meine Frontscheibe schlagen, zerschmettert wie kleingehäckselt an den Seiten an mir vorbei fliegen, dann die Kurve kommt, die Kurve, die ich immer genieße, bei der mich die Fliegkraft bis zum Maximum fast gegen die Leitplanke drückt, ich eine Macht der Machtlosigkeit verspüre, das Adrenalin mir in den Kopf steigt und der Schweiß mir auf der Stirn steht, dann eine Spurrille auftaucht, die nicht da sein sollte und dann ich vom Weg abkomme, mein Wagen mit 160 Sachen von der Fahrbahn schießt, der Graben tief ist, ich schnell genug bin, ich schon immer einmal fliegen wollte, das jetzt wahr wird, und ich völlig losgelöst über den Boden gleite, den Atem anhalte und das Herz stehen bleibt, dann bin ich frei.

 

Wie schlägt mein Herz wenn ich frei bin?
Es schlägt schnell, rasend, es scheint sich zu überschlagen und plötzlich schlägt es noch einmal mit dem Knall zusammen, synchron und dann schlägt es nicht einen einzigen Ton.

 

 

Wann bin ich frei? Ich glaube, wenn…

ich nachhause komme und ohne Angst den Schlüssel in das verrostete Schlüsselloch stecken kann, ohne großes Überlegen und Abwägen, den Schlüssel wage umzudrehen und ich dann vorsichtig die Tür öffne, zaghaft einen Fuß über die Türschwelle in die Wohnung setze, dann ohne einen Mucks die Tür hinter mir schließe und auf zehn Spitzen in mein Zimmer schleiche, aus Gewohnheit in geduckter Haltung die Zimmertür schließe und plötzlich merke, wie still es ist, ich dann immer noch vorsichtig wieder die Zimmertür öffne und mich ins Wohnzimmer traue, ich dann dort meinen Augen nicht traue, meine Eltern friedlich, gesund und munter gemeinsam am Essenstisch sitzen, es Braten mit Soße und Kartoffeln gibt, der Nachtisch neben dem Tisch auf dem Servicewagen steht, meine Eltern mich lächelnd, ungewohnt freundlich an den Tisch bitten, keiner meiner Eltern einen tiefen, energischen, zornigen Klang der Stimme hat, ich mich zaghaft an den Tisch setze und sicherheitshalber das Messer schon in der Hand habe, dann meine Mutter mir Kartoffeln auf den Teller tut, mein Vater seine Hand erhebt, ich zusammenzucke und mich die Angst durchzuckt und ich merke, dass seine Hand sich mir nur langsam nähert und mir über die Schulter streicht, ich nur einen leichten Schmerz von den blauen Flecken des Vortages verspüre, dann meine Mutter ihre Hand über den Tisch streckt und mir über die Wange streichelt, wir uns alle einen guten Appetit wünschen und wir langsam, manierlich den Braten essen, ich dabei nicht nur das Geschirr klirren und scheppern höre, sondern die familiären, mir so unbekannten, friedlichen Stimmen vernehme, wir gemeinsam den Tisch abtragen und ich mit meiner Mutter die Geschirrspülmaschine einräume, wir uns dann alle gemeinsam drücken und wissen, dass wir uns nie wieder wehtun, dann bin ich frei.

 

Wie schlägt mein Herz wenn ich frei bin?

Es überschlägt sich fast vor Freude, so viel unbekannte Liebe zu empfangen.

 



von Nadine J.M. Knauer, 2012

Dine-Produktion

Film&Kunst